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Stampfrohr
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top
Ein Stampfrohr, veraltet Stampftrommel, StoĂtrommel, Klangrohr, Aufschlagrohr, englisch stamping tube, französisch bĂąton de rythme, ist eine einseitig an der Unterseite geschlossene Röhre aus Bambus, seltener aus einer Kalebasse (âSchlagkĂŒrbisâ) oder aus Holz, die senkrecht auf den Boden oder auf eine andere FlĂ€che gestampft wird und rhythmische SchlĂ€ge produziert. Anders als ein nur als Perkussionsinstrument dienender Stampfstock wird bei einem Stampfrohr die Luft im Innern in Schwingungen versetzt, sodass ein heller oder dumpfer Ton von bestimmter Höhe entsteht. Mehrere Musiker mit unterschiedlich gestimmten Stampfrohren können diese als Melodieinstrument einsetzen: je lĂ€nger die Röhre, desto tiefer der Ton. Stampfrohre werden in der zeremoniellen Musik oder zur Unterhaltung fĂŒr die Begleitung von GesĂ€ngen und TĂ€nzen hauptsĂ€chlich in Ozeanien, SĂŒdostasien, Afrika, in der Karibik und in SĂŒdamerika verwendet.
Instrumentenkundlich gehören Stampfrohre primÀr zu den Aufschlagidiophonen. Sie unterscheiden sich von beidseits offenen Rohren, die, mit einer elastischen Platte auf die obere Offnung geschlagen, einen dumpfen Ton von bestimmter Höhe erzeugen und wegen der direkten Anregung der LuftsÀule in der Röhre unabhÀngig von der Hornbostel-Sachs-Systematik primÀr den Explosivaerophonen zugeordnet werden können.
Eng verwandt mit dem Stampfrohr ist die in Melanesien auf eine WasseroberflÀche aufgeschlagene Wassertrommel, die auch Stampftrommel genannt wird.
Contents
âą Herkunft
âą Klassifizierung
âą Melanesien
âą Polynesien
âą SĂŒdostasien
âą Ostasien
âą Afrika
âą Karibik
âą SĂŒdamerika
âą Literatur
âą Weblinks
âą Einzelnachweise
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Herkunft
Am Beginn der musikalischen ĂuĂerung stand nach Curt Sachs (1943) der aus Wörtern entwickelte Gesang, dessen Melodie zwischen zwei Tönen pendelt. Als nĂ€chste Strukturierung des Gesangs wurde ein regelmĂ€Ăiger rhythmischer Puls eingefĂŒhrt.cite-ref-1[1]
Das Ă€lteste rhythmische Ausdrucksmittel des Menschen ist das HĂ€ndeklatschen. Allgemein stehen Schlagen auf den eigenen Körper und Stampfen mit den FĂŒĂen am Beginn der Instrumentalmusik. TĂ€nzer, SĂ€nger oder deren Publikum sorgen so fĂŒr die einfachste rhythmische Begleitung. Der britische Seefahrer und Geograph Frederick William Beechey erlebte in den 1820er Jahren einen abendlichen Tanz auf Tahiti in Französisch-Polynesien, bei dem die in einer Reihe aufgestellten TĂ€nzer mit den FĂŒĂen auf den Boden stampften und sich mit den HĂ€nden auf die Schenkel klopften, bevor sie sich in einem kriegerisch aussehenden Tanz wild zu drehen begannen.cite-ref-2[2] Eine korinthische Vasenmalerei aus dem Antiken Griechenland (um 600 v. Chr.) zeigt TĂ€nzer, die mit einer Hand auf ihr GesÀà schlagen. Bei einem bis in die 1890er Jahre zu beobachtenden Zeremonialtanz der zu den kanadischen First Nations gehörenden Slavey bewegte sich ein TĂ€nzer um ein Feuer und schlug sich mit der Tatze des soeben getöteten BĂ€ren auf sein GesĂ€Ă. HĂ€ufiger war die Kombination aus stampfenden Schritten und Schenkelklopfen zur rhythmischen Begleitung von TĂ€nzen oder Liedern.cite-ref-3[3] Mehrere MĂ€nner der Veddas in Sri Lanka schlugen sich beim Bogentanz, bei dem sie um einen in den Boden gesteckten Jagdbogen herumschritten, abwechselnd mit den HĂ€nden auf den Bauch, die Oberschenkel und das GesĂ€Ă. Dieser pantomimische Kirikoraha-Zeremonialtanz sollte fĂŒr die JĂ€ger das Wohlwollen der Geister sichern.cite-ref-4[4] Eine als Sitztanz ausgefĂŒhrte Form des Hula auf Hawaii war der paâi-umauma (aus paâi, âschlagenâ und umauma, âBrustâ), bei dem die TĂ€nzer energisch den Oberkörper bewegten, sich auf die Brust schlugen und sangen.cite-ref-5[5] Ăber Brustschlagen mit den HandflĂ€chen bei TĂ€nzen wird auch von anderen pazifischen Inseln und bei Indianern in Amerika berichtet.cite-ref-6[6]
Das Stampfen mit den FĂŒĂen ist unmittelbarer mit den Körperbewegungen beim Tanzen verbunden als das HĂ€ndeklatschen. RitualtĂ€nze können durch Stampfen mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten und durch Gesang bei den Teilnehmern eine groĂe emotionale IntensitĂ€t hervorrufen. Das weit verbreitete ritualisierte FuĂstampfen gehörte hĂ€ufig zu Initiationszeremonien. Bei der PubertĂ€tszeremonie der Larrakia, einer Aborigines-Gruppe im nordwestlichen Australien, stoĂen die MĂ€dchen anhaltende Schreie aus und stampfen bei einem Gruppentanz. Auch bei der Corroboree-Zeremonie der Aborigines wird mit den FĂŒĂen gestampft. Bei einem Kriegstanz in Neuseeland sollte das Stampfen die Beteiligten vor der Schlacht in Angriffsstimmung versetzen. Krieger der Tsonga im sĂŒdlichen Afrika stampften im Rhythmus wĂ€hrend der AmtseinfĂŒhrung eines HĂ€uptlings und schlugen zugleich mit einem Stock auf ihren Kampfschild, der mit einer als Trommelmembran fungierenden Tierhaut bespannt war.
Rhythmisches FuĂstampfen begleitete allgemein GesĂ€nge und TĂ€nze bei zeremoniellen AnlĂ€ssen. So schlagen beispielsweise TĂ€nzer an der NordkĂŒste Westneuguineas und auf der vorgelagerten Insel Biak bis heute bei einem Typ von zeremoniellen Tanzliedern (wor)cite-ref-7[7] Sanduhrtrommeln. Bei einem anderen, frĂŒher bei Heilungszeremonien aufgefĂŒhrten Typ von Tanzliedern (mon) bewegten sich die SĂ€nger und TĂ€nzer auf einer Bambusplattform, wĂ€hrend der Heilungspriester in Trance verfiel. Einwohner der Insel Misool vor der SĂŒdkĂŒste Westneuguineas stampften Ă€hnlich rhythmisch auf einer Bambusplattform. Mehrere Völker im sĂŒdlichen Bezirk Sorong stampften mit leicht gebeugten Knien in gleichbleibendem Tempo auf einer Plattform von einem auf das andere Bein.cite-ref-8[8] Dies verweist auf entsprechende doppelte Schlagfolgen im Wechsel, die hĂ€ufig mit zwei unterschiedlich langen Stampfrohren produziert werden.
Neben dem rhythmischen gibt es auch ein auĂermusikalisches FuĂstampfen. FĂŒr die nordamerikanischen Indianer teilt Theodore A. Seder (1952) das auĂermusikalische FuĂstampfen in vier funktionelle Kategorien ein:
âą FuĂstampfen als symbolische Aktion mit magischer Bedeutung in einem Ritual, etwa als Reinigungshandlung vor der Kontaktaufnahme mit jenseitigen MĂ€chten.
âą Im Rahmen von Traditionsveranstaltungen ein als Brauchtum praktiziertes FuĂstampfen, dessen ursprĂŒnglich magische Bedeutung verloren gegangen ist.
âą Magische Rituale der Eskimo an der BeringstraĂe, die in einem Zusammenhang mit Nahrungsmitteln stehen.
âą FuĂstampfen als Teil eines pantomimischen Spiels zur Unterhaltung, wenn etwa die Bewegung eines BĂ€ren oder Bisons nachgeahmt werden soll.cite-ref-9[9]
Schlagen erfolgt aus einer Drehbewegung des Arms oder der Hand und Stampfen ist ein lineares StoĂen. KörperschlĂ€ge, also rhythmisches Stampfen mit dem Körper und SchlĂ€ge gegen den Körper, zĂ€hlt Curt Sachs (1928) zum kulturellen âUrbesitzâ seit der Steinzeit.cite-ref-10[10]
Mit Stöcken in den HĂ€nden, die auf GegenstĂ€nde schlagen, und mit Stampfrohren, die anstelle der FĂŒĂe auf den Boden gestampft oder mit Holzstangen, die auf ein Brett gestampft werden, lassen sich die körperlichen und rhythmischen Möglichkeiten erweitern.cite-ref-11[11] Relikte archaischer Methoden zur Rhythmuserzeugung sind mit den HĂ€nden auf ihre Lederhose klatschende TĂ€nzer beim oberbayrischen Schuhplattler, der Stepptanz mit harten Schuhsohlen, der spanisch-lateinamerikanische Tanz Zapateado (spanisch, âmit dem FuĂ stampfenâ, in Mexiko zapateo). der Gummistiefel-Tanz, bei dem sĂŒdafrikanische TĂ€nzer mit Gummistiefeln stampfen und die ebenfalls zur klanglichen VerstĂ€rkung der Tanzschritte ĂŒber die Kontinente hinweg seit prĂ€historischer Zeit an den FĂŒĂen umgebundenen Rasseln, die in Indien ghungru genannt werden und zu den meisten indischen Tanzstilen gehören.cite-ref-12[12]
Mit Stöcken geschlagene archaische Perkussionsinstrumente, die regional bis heute gebraucht werden, sind das in Europa und Asien weit verbreitete, hĂ€ngende oder am Boden liegende Schlagbrett und die bis zur Schlitztrommel ausgereifte Form. Die StockschlĂ€ge auf ein am Boden liegendes Schlagbrett werden lauter, wenn das Brett ĂŒber eine Erdgrube gelegt wird, die als Resonanzraum dient. Eine Erdgrube steht als Resonanzraum bei der Erdtrommel am Beginn der Membranophone, auĂerdem sorgt sie fĂŒr die KlangverstĂ€rkung bei der Erdzither und beim Erdbogen, den entwicklungsgeschichtlich Ă€ltesten Saiteninstrumenten.
Stampfbretter sind aus einigen tropischen Regionen in Afrika und Asien sowie von pazifischen Inseln und aus Brasilien bekannt. Der nur in Indonesien vorkommende Stampftrog lesung, der aus einem zu einem Trog ausgehöhlten Baumstamm besteht, ist eine Kombination aus Stampfbrett und Schlitztrommel. Mehrere Frauen stampfen mit Holzstangen an mehreren Stellen auf den lesung und produzieren rhythmische Muster in unterschiedlichen Tonhöhen.
HĂ€ufig wurde die Erdgrube mit einer festen Baumrinde als Membran abgedeckt. Auch ein Stampfbrett kann zur KlangverstĂ€rkung ĂŒber ein Erdloch gelegt werden. Ein TĂ€nzer der Modoc, einem Indianervolk in Kalifornien, stampfte bei gewissen RitualtĂ€nzen rhythmisch barfuĂ auf einem solchen Brett, das ĂŒber eine quadratische Grube von etwa 60 Zentimetern SeitenlĂ€nge gelegt war.cite-ref-13[13] Dieses als magisches Ritual, um WirbelstĂŒrme fernzuhalten, praktizierte FuĂstampfen ist in Verbindung mit HĂ€ndeklatschen in Kalifornien auch von den Nisenan und den Shasta ĂŒberliefert.cite-ref-14[14] Bei den Igbo in Nigeria gehört zu den rhythmisch komplexen TĂ€nzen auch der Nzaukwu nabi, eine besondere Stampfschrittfolge.cite-ref-15[15] Der englische Naturforscher Henry B. Guppy sah in den 1880er Jahren auf den zu den Salomonen im Pazifik gehörenden Treasury-Inseln eine Gruppe von etwa 40 Frauen und MĂ€dchen, die um eine Erdgrube in ihrer Mitte tanzten. Zwei Frauen stampften den Tanzrhythmus auf einem ĂŒber die Grube gelegten Brett. Eine Variante des Brettstampfens ist das Tretpedal papa hehi auf Hawaii, ein kleines Brett, das mittig ĂŒber einen Rundstab gelegt wird. Dieser dient als Achse, auf der das Brett beim Darauftreten abwechselnd nach vorn und hinten auf den Boden schlĂ€gt. Es produziert einen Rhythmus zur Gesangsbegleitung.
Zwar werden Schlitztrommeln generell mit Stöcken geschlagen, es ist jedoch von den Maidu, Wintun und Pomo, Indianervölkern in der Region Kalifornien, bekannt, dass sie Schlitztrommeln mit den FĂŒĂen oder selten mit einem Stock stampften. Die aus einem lĂ€ngs ausgehöhlten Baumstamm bestehende Schlitztrommel geht so in ihrer Bedeutung mit der Erdgrube zusammen.cite-ref-16[16] Richard Thurnwald (1913)cite-ref-17[17] berichtet von seiner Expedition zum Sepik in Neuguinea, dass MĂ€nner Schlitztrommeln (garamut) mit den Fersen anschlugen, wĂ€hrend sie sich mit den HĂ€nden am GebĂ€lk der Versammlungshalle festhielten.cite-ref-18[18]
Der Erdgrube und dem Schlagen auf die Erde wurde in vielen Kulturen seit der FrĂŒhzeit eine magisch-mythische Bedeutung zugesprochen. Zur Tradition vieler nordamerikanischer Indianer, hauptsĂ€chlich an der NordwestkĂŒste und im Nordwesten Kanadas, gehört es, zu rein musikalischen Zwecken mit Stöcken oder gelegentlich mit Rasseln auf den Boden zu schlagen. Traditionelle Heiler der Chippewa (auch Ojibwe, eine Gruppe der Anishinabe) schlagen im Haus des Patienten mit Rasseln auf den Boden, singen, pfeifen und tanzen dazu. Der Leiter eines indianischen Maskentanzes stampft den Takt fĂŒr seinen Gesang mit einem Stab, an dem ein als Rassel dienender Ledersack mit Rehklauen befestigt ist. Heiler und Schamanen der Pomo, Tlingit und anderer Indianervölker stampfen bei ihren Ritualen mit Ă€hnlichen Stöcken auf den Boden. Eine UrsprungserzĂ€hlung der Hidatsa handelt von alten MĂ€nnern, die einst als Musiker bestimmt wurden. Erst schlugen sie nur mit Stangen auf den Erdboden, spĂ€ter erhielten sie Trommeln. In diesem Mythos kommt die historische Entwicklung der Schlaginstrumente und die Bedeutung der auf diesem Weg eingefĂŒhrten Trommeln zum Ausdruck.cite-ref-19[19]
Mit Stampfröhren auf den Erdboden zu stampfen ist ĂŒblicherweise eine Angelegenheit der Frauen, die dies als Fruchtbarkeitsritus praktizieren. So produzieren Frauen an den Tagen nach der Ernte mit Stampfrohren einen bestimmten Rhythmus. Bei den Kayan in Zerntralborneo wurden nach der Erntezeit, wĂ€hrend die Leiterin der Zeremonie die Geister anrief, zwei Bambusröhren in einem bestimmten Rhythmus auf eine Matte gestampft. Von Sulawesi wurde berichtet, dass drei oder fĂŒnf MĂ€dchen auf dem abendlichen Heimweg nach der Reiserntezeremonie mit Samen gefĂŒllte Stampfrohre auf den Boden schlugen und dazu sangen: âStampft Freundinnen! Denn wir blicken abwĂ€rts, blicken nieder auf den flehenden, den flehenden neuen Reis!âcite-ref-20[20]
Der Stampftrog steht beispielhaft fĂŒr eine nach der EinfĂŒhrung der rhythmischen Wiederholung mit Schlaginstrumenten weitere evolutionĂ€re Entwicklung, mit der die bis dahin der Gesangsstimme vorbehaltene Melodiebildung auf ein Musikinstrument ĂŒbertragen wurde. Wenn ein Spieler ein Stampfrohr in einem bestimmten Rhythmus auf den Boden schlĂ€gt und dann derselbe oder ein zweiter Spieler mit einem zweiten Stampfrohr in einer anderen Tonhöhe ZwischenschlĂ€ge produziert, ergibt sich eine Doppelung aus zwei Tonstufen, die Curt Sachs (1940) mit der Reduplikation bei der Wortbildung aus zwei Silben mit Vokalwechsel (Beispiel âSingsangâ) gleichsetzt. Wie bei manchen Trommeln, SchwirrgerĂ€ten, Schlitztrommeln und Schneckerhörnern werden bei paarweiser Verwendung die unterschiedlichen Klangerzeuger manchmal als âVaterâ und âMutterâ bezeichnet. Falls der Klang das Unterscheidungskriterium ist, gilt das höher und schĂ€rfer klingende Instrument als mĂ€nnlich und das dumpfer und tiefer klingende (und damit meist gröĂere) Instrument als weiblich. Die rhythmische Folge zweier unterschiedlich hoch und laut klingender SchlĂ€ge ist bis heute als Prinzip bei Kesseltrommelpaaren erhalten (zwei Pauken, im Orient naqqara, in Indien tabla). Die Verwendung von mehreren Stampfrohren unterschiedlicher Tonhöhen fĂŒhrt weiter zur Entwicklung von Melodieinstrumenten (strukturell beim Xylophon und der Panflöte realisiert). Am musikalisch ausgereiftesten ist das auf einem Fruchtbarkeitskult basierende Stampfen mehrerer Frauen mit dem Stampftrog lesung in Indonesien.cite-ref-21[21]
Klassifizierung
Die Hornbostel-Sachs-Systematik klassifiziert die Stampfrohre als eigene Gruppe âAufschlagrohreâ (111.23) der âAufschlagidiophoneâ (111.2) innerhalb der âunmittelbar geschlagenen Idiophoneâ (111). Die Schallerzeugung geht damit vom Material der selbstklingenden Röhre aus, die gegen einen nichtklingenden Gegenstand geschlagen wird. Sofern möglich werden in der Hornbostel-Sachs-Systematik die Musikinstrumente nach der primĂ€ren Tonerzeugung klassifiziert. Dabei gibt es GrenzfĂ€lle wie die Maultrommel, die zwar als Idiophon klassifiziert ist, aber auch den freien âUnterbrechungs-Aerophonenâ (412) zugeordnet werden könnte. Die NĂ€he des Stampfrohrs zu den Aerophonen, genauer, zu den eigentlichen Blasinstrumenten ergibt sich durch die im Innern der Röhre in Schwingung versetzte Luft, die als Klang von bestimmter Tonhöhe hörbar wird. Das Stampfrohr gehört aber eindeutiger als die Maultrommel zu den Idiophonen, da die Luftschwingungen im Innern nicht durch direkte Anregung aus der Luft (ĂŒblicherweise durch Einblasen) entstehen, sondern indirekt durch die schwingende Röhre ĂŒbertragen werden.
Eine Röhre, die mit dem offenen Ende auf den Boden gestampft wĂŒrde, lieĂe sich wie beidseitig offene Röhren, bei denen eine Ăffnung mit einem Schlag geschlossen und dadurch die Luft im Innern unmittelbar abrupt verdichtet wird, wegen der primĂ€ren Tonerzeugung der erregten Luftschwingungen den âExplosivaerophonenâ zuordnen,cite-ref-22[22] allerdings nicht in die Gruppe âExplosivaerophoneâ (413) der Hornbostel-Sachs-Systematik, die den âFreien Aerophonenâ (41) mit der Definition âDie schwingende Luft ist nicht durch das Instrument begrenztâ untergeordnet ist. In der Hornbostel-Sachs-Systematik wird als einziges Beispiel fĂŒr die Gruppe der Explosivaerophone die KnallbĂŒchse genannt, bei der die in einem Rohr komprimierte Luft beim Entfernen des verschlieĂenden Pfropfes plötzlich ins Freie entweicht.cite-ref-23[23] Da beim Schlagen auf die Ăffnung einer Röhre umgekehrt durch Druck von auĂen plötzlich Luft ins Innere derselben gepresst wird, fĂŒhrt die 2011 erfolgte Erweiterung der Hornbostel-Sachs-Systematik durch das Projekt Musical Instrument Museums Online (MIMO) eine Unterteilung ein in (413.1) âExplosivaerophone. Die Luft wird herausgezwungenâ fĂŒr die bisherige Gruppe â(413) Explosivaerophone: Die Luft erhĂ€lt einen einmaligen VerdichtungsanstoĂ (KnallbĂŒchse)â und in (413.2) âImplosivaerophone. Die Luft wird hineingezwungen.â FĂŒr die letztgenannte neue Gruppe wird als einziges Beispiel auf das shantu in Westafrika verwiesen.cite-ref-24[24]
Roger Blench (2009) listet bei der Beschreibung der Musikinstrumente Kameruns die Stampfrohre unter dem Begriff âPercussion aerophonesâ, der im Englischen auch die Explosivaerophone bezeichnen kann.cite-ref-25[25] Eine eigene, isolierte Klassifikation unternimmt Ă
ke Norborg (1989) fĂŒr die Musikinstrumente von Ăquatorialguinea und Gabun,cite-ref-26[26] bei der er das Stampfrohr als Kompromiss in die Klasse âStamped idiophonic aerophones with one openingâ einordnet.cite-ref-27[27]
Verbreitung und Spielweise
Stampfrohre haben sich möglicherweise vom malaiisch-polynesischen Raum ausgehend verbreitet.cite-ref-28[28] Curt Sachs (1929) ordnete sie in seiner allgemeinen diffusionistischen Theorie der âsĂŒdseebegrenzten malaiisch-polynesischen Schichtâ zu.cite-ref-29[29] Sie kommen oder kamen in Ozeanien (Melanesien mit Teilen Neuguineas, Bismarck-Archipel, Salomonen, Vanuatu, Fidschi, Neukaledonien, im westlichen Polynesien mit Samoa, Tonga, Uvea und Nukumanu), im ĂŒbrigen Polynesien auf Hawaii beschrĂ€nkt, in Ostasien, Ostafrika, Westafrika, sĂŒdliches Afrika, SĂŒdamerika (Argentinien, an der AtlantikkĂŒste Brasiliens, am Amazonas, in Kolumbien, im Hochland von Ekuador), in Nordamerika und in der Karibik vor.
Die nördliche Verbreitungsgrenze im östlichen Asien sind abgesehen von historischen chinesischen Vorkommen Laos und Yunnan, wo Frauen der Akha lange Bambusröhren auf ein Brett stampfen, und Korea. In Europa und im nördlichen Asien waren Stampfröhren selten, in Australien waren sie unbekannt.cite-ref-30[30]
Melanesien
Ein Stampfrohr besteht in Ozeanien aus einer typischerweise ein bis zwei Meter langen Bambusröhre, deren Nodien ĂŒber die gesamte LĂ€nge durchbrochen sind, bis auf das unterste Nodium, das wie ĂŒberall verschlossen bleibt. In Melanesien einschlieĂlich Papua-Neuguinea und im westlichen Polynesien sind die Röhren mit mehreren Internodien etwa zwei Meter lang, auf Hawaii sind sie rund einen Meter lang. Damit wird senkrecht auf den Erdboden, ein Stampfbrett oder auf einen Stein gestoĂen. Mehrere Spieler stampfen zugleich mit unterschiedlich langen Bambusrohren; ob damit frĂŒher in der Region ein melodischer Zusammenklang bewusst erstrebt wurde, geht aus den historischen Beschreibungen nicht hervor. Die Spieler â MĂ€nner und Frauen â halten ĂŒberwiegend nur ein Stampfrohr in den HĂ€nden. Ausnahme ist das paarweise verwendete kÄÊ»ekeÊ»eke auf Hawaii.cite-ref-31[31] FĂŒr das isolierte Vorkommen des Stampfrohrs auf Hawaii stellt Hans Fischer (1958) zusammen mit der GefĂ€Ăflöte, dem Musikbogen, dem Schwirrholz, der bootsförmigen Schlitztrommel und der offenen Querflöte Parallelen mit deren Verbreitungsgebiet in Melanesien und Indonesien her. Demnach haben diese Musikinstrumente von Hawaii und anderen randpolynesischen Gebieten Entsprechungen unter anderem in SĂŒdostasien.cite-ref-32[32] In Melanesien gehören Rasseln, SchlagstĂ€be, Stampfrohre und Maultrommeln (susap) zu den am weitesten verbreiteten Idiophonen.cite-ref-33[33]
Fidschi
In den Tagebuchaufzeichnungen des Naturforschers Theodor Kleinschmidt von 1876 ĂŒber die zu Fidschi gehörende Insel Fatulele ist die Beschreibung eines besonderen Stampfrohrs enthalten: âSie sind unten zu, und oben so ausgeschnitten, daĂ sie zwei lange Spitzen haben, und werden mit dem unteren Ende im Takt auf den Boden gestoĂen, wodurch sie ein hohles âDum-Dumâ mit einem feinen Schnarren der Spitzen abgeben.âcite-ref-35[35] Das zusĂ€tzliche SchnarrgerĂ€usch entsteht durch die Schwingungen der spitzen Enden, die denen einer Bambusschlaggabel wie der nordostindischen toka entsprechen.
Der Naturforscher Berthold Seemann beschreibt von seinem Besuch 1860/61 auf Viti Levu, der Hauptinsel von Fidschi, die ZeremonialgegenstĂ€nde im Tempel des KĂŒstenortes Nagadi. Der Priester zeigte ihm zwei einzelne Stampfrohre von unterschiedlicher LĂ€nge, die zusammen mit einem BĂŒndel von mehreren zusammengeschnĂŒrten Stampfrohren bei religiösen Zeremonien auf den Boden gestoĂen wurden. Das StampfrohrbĂŒndel wurde mit den Ăffnungen nach unten verwendet und produzierte laute dumpfe SchlĂ€ge.cite-ref-36[36]
Auf den Fidschi-Inseln heiĂen die heutigen Stampfrohre derua (auch duvu, bitu). Ein Exemplar aus Fidschi besteht aus drei Internodien, hat eine LĂ€nge von 99 Zentimetern und einen Durchmesser von 8 Zentimetern.cite-ref-37[37] Allgemein sind derua 60 bis 150 Zentimeter lang und ihr Durchmesser betrĂ€gt bis zu 14 Zentimeter. Das derua sorgt fĂŒr den Takt und Rhythmus bei GruppengesĂ€ngen und TĂ€nzen (meke). Die Musiker werden fĂŒr die Begleitung der TĂ€nze in zwei Gruppen mit unterschiedlich langen derua geteilt, die sie im Wechsel stampfen. Passend zur Melodie der Tanzlieder können die derua auf die Quarte oder Quinte des Grundtons gestimmt sein. FrĂŒher wurden in den Bergen der Hauptinsel Viti Levu gebĂŒndelte derua in der rituellen Musik verwendet.cite-ref-38[38]
Weitere idiophone Klangerzeuger sind KörperschlĂ€ge: cobo (oder obo, mit der gewölbten Hand und den Armen rechtwinklig zum Körper), sau (mit der flachen Hand und den Armen parallel zum Körper) oder Schenkelklopfen. Der Schlag beim cobo klingt Ă€hnlich wie mit dem derua. Der Rhythmus kann durch Zusammenschlagen von zwei KokosnusshĂ€lften unterteilt oder betont werden. Gelegentlich behĂ€ngen sich TĂ€nzer zusĂ€tzlich mit GefĂ€Ărasseln aus einer Fruchtschale.cite-ref-39[39]
Von zeremonieller Bedeutung war die aus einem Baumstamm ausgehöhlte groĂe Schlitztrommel lali.cite-ref-40[40] Die etwas kleinere lali ni meke (âTanz-Schlitztrommelâ) diente frĂŒher zusammen mit derua zur Gesangsbegleitung. Historischen Beschreibungen zufolge wurden lali und derua frĂŒher auch verwendet, wenn der Leichnam (bokola) eines im Kampf getöteten Feindes ins Dorf gebracht wurde, um dort in einem Akt von Kannibalismus rituell verspeist zu werden.cite-ref-41[41]
Salomonen
Auf den meisten Salomon-Inseln leben Melanesier, die in vielen Dörfern mehr oder weniger unverĂ€nderte Musiktraditionen neben den von christlichen Missionaren eingefĂŒhrten ChorĂ€len pflegen. Zur ĂŒberlieferten Musik gehören beim Volk der âAreâare in der SĂŒdhĂ€lfte der Insel Malaita mehrere Typen von Panflöten mit gebĂŒndelten oder in Reihe angeordneten Bambuspfeifen, die in Ensembles gespielt werden, eine Querflöte und die solistisch oder in Ensembles gespielten Stampfrohre âau ni mako.
Die âAreâare haben keinen allgemeinen Begriff fĂŒr Musik und Musikinstrumente, sondern kennen 20 musikalische Ausdrucksmittel, die sie in vier Kategorien klassifizieren. Dabei unterscheiden sie nicht nach geblasenen oder geschlagenen Musikinstrumenten, die beide in der (1) umfangreichsten Kategorie âBambusâ (âau) vereint sind. Auch der Musikbogen gehört zu den geschlagenen Bambusinstrumenten. Die drei weiteren musikalischen Kategorien beinhalten (2) hölzerne Schlitztrommeln (âoâo), (3) mit den HĂ€nden und in Verbindung mit Wasser geschlagen (kiroha, Wassertrommeln) sowie (4) Gesang (nuuha).cite-ref-42[42]
Wenn ein Musiker der âAreâare die Stampfrohre allein spielt, verwendet er zehn kurze Bambusabschnitte, die zwischen ungefĂ€hr 40 Zentimeter und etwas ĂŒber 100 Zentimeter lang sind. Die unten verschlossenen Bambusrohre werden auf einen am Boden liegenden flachen Stein gestoĂen. Der Musiker teilt die Rohre in drei Gruppen: Vier keâetou genannte Rohre hĂ€lt er in seiner rechten Hand, vier aaritaâi in seiner linken Hand und von den zwei ĂŒbrigen, hoo genannten Röhren klemmt er eine zwischen die Zehen beider FĂŒĂe. Die hoo benötigen jeweils einen Stein als SchlagflĂ€che, die in den HĂ€nden gehaltenen Röhren schlĂ€gt der Musiker auf einen in der Mitte vor ihm liegenden Stein. Durch leichte Drehung der HĂ€nde erklingen die Röhren einzeln in einem melodischen Spiel, das dem des indonesischen Gleitrasselspiels angklung Ă€hnlich ist.cite-ref-43[43] In einem Ensemble verwenden drei Musiker zusammen zwölf Bambusröhren, jeder Musiker hĂ€lt mit beiden HĂ€nden vier Röhren, die namentlich den drei genannten Gruppen zugeordnet sind.cite-ref-44[44] Auf einer 1973 veröffentlichten Langspielplatte ist ein Gesang zu hören, der von 24 unterschiedlich gestimmten Stampfrohren begleitet wird.cite-ref-45[45]
Das Stampfrohrensemble heiĂt wie das solistische Stampfrohrspiel in der im SĂŒden von Malaita verbreiteten Sprache Ê»AreÊ»are âau ni mako und in der Sprache Kwarekwareo DoriÊŒo âau ni wado (âBambus der Erdeâ). In den Ensembles können Frauen und MĂ€nner gleichermaĂen zusammenspielen. Sie spielen zur eigenen Unterhaltung und treten gelegentlich auch bei gröĂeren Festen auf.cite-ref-46[46]
Wie das Panflötenensemble produziert das Stampfrohrensemble eine komplexe Mehrstimmigkeit mit pentatonischen oder Ă€quiheptatonischen Tonleitern. Die instrumentalen MusikstĂŒcke haben festgelegte Inhalte. Anders als Stampfrohrensembles werden die aus Schlitztrommeln bestehenden Gruppen hĂ€ufig zur Begleitung von Ritualen eingesetzt.cite-ref-47[47]
Auf der sĂŒdlichsten Salomonen-Insel Tikopia heiĂt der Stampfstock lopu und auf der weit im Norden gelegenen, aber noch zu den Salomonen gehörenden Insel Ontong Java lopa oder kui lopu.
Eine moderne Ensemblevariante verbindet Elemente der traditionellen Stampfrohre mit dem Panflötenensemble, indem eine Reihe gestimmter Bambusrohre in einem Rahmen miteinander verbunden und waagrecht auf den Boden gelegt werden: Der Musiker schlĂ€gt mit der elastischen Sohle einer Plastiksandale in jeder Hand nicht auf die geschlossenen Enden, sondern auf die Enden von beidseits offenen Röhren. Nicht die idiophone Klangerzeugung wie bei den Stampfrohren steht bei dieser Spieltechnik im Vordergrund, sondern die plötzliche Verdichtung der Luft in der Röhre, weshalb diese Bambusrohre âExplosivaerophoneâ genannt werden können.
Mehrere Reihen von Bambusrohren mit LĂ€ngen zwischen einem halben Meter und ĂŒber zwei Metern können ĂŒbereinander gelegt werden. In manchen Orchestern sind die Rohre schrĂ€g in einem Gestell in einer Reihe montiert und werden von einem stehenden Musiker von oben gespielt.cite-ref-48[48] Diese Bamboo Bands wurden in den 1920er und 1930er Jahren eingefĂŒhrt. Sie erfreuen sich bei öffentlichen Veranstaltungen groĂer Beliebtheit. HĂ€ufig sorgen sie auch fĂŒr den Rhythmus in Gitarrenbands und bei ChorgesĂ€ngen.cite-ref-49[49]cite-ref-50[50] Bei den Ê»areÊ»are sind die nach den Akkordfolgen der Gitarre gestimmten Bambusrohre als âau raparapa bekannt.cite-ref-51[51]
Neukaledonien
Die gröĂte Bevölkerungsgruppe und die Ureinwohner der melanesischen Insel Neukaledonien sind die Kanak, die neben âprivatenâ Musikgattungen (wie Wiegenlieder) nach alter Tradition verschiedene zeremonielle Musikformen und TĂ€nze auf den DorfplĂ€tzen auffĂŒhren. Durch die protestantische Missionierung ist auĂerdem der Chorgesang nach europĂ€ischem Vorbild verbreitet. GruppentĂ€nze stellen mit abstrahierten synchronen BewegungsablĂ€ufen aller TĂ€nzer eine Geschichte dar. Rhythmisch begleitet werden diese TĂ€nze auf der Hauptinsel Grande Terre von Stampfrohren und einer Bambusschlitztrommel, auf den kleineren LoyalitĂ€tsinseln und auf der Ăle des Pins sorgt ein gemischter Chor mit Stampfrohren und perkussiv verwendeten BlĂ€tterbĂŒndeln fĂŒr den Rhythmus bei den TĂ€nzen. Die neukaledonischen Stampfrohre sind 100 bis 140 Zentimeter lang und messen 5 bis 25 Zentimeter im Durchmesser. Zur rhythmischen Tanzbegleitung gehören traditionell auĂerdem gegeneinander geschlagene RindenstĂŒcke (bwanjep genannte Klappern), die charakteristisch fĂŒr die Musik auf Grande Terre sind. Trommeln und Musikbögen waren frĂŒher vermutlich unbekannt.cite-ref-52[52]
Rindenklappern und Stampfrohre ergÀnzen sich hÀufig als einzige Musikinstrumente zur Begleitung von TÀnzen. Den bevorzugten dumpfen Ton produzieren Stampfrohre, wenn sie auf den etwas feuchten Erdboden gestampft werden, am besten aus einer Höhe von 20 bis 30 Zentimetern.
Die hauptsÀchliche traditionelle Musikform auf der Hauptinsel ist das Gesangsduo (ae-ae) zweier MÀnner, die von einem Dutzend sie umgebenden Musikern mit Stampfrohren und anderen Perkussionsinstrumenten begleitet werden. Der Wechselgesang der beiden SÀnger handelt von historischen Ereignissen, Naturerlebnissen oder Liebesgeschichten. Alle Anwesenden tanzen im Kreis um diese Musikgruppe herum und beteiligen sich mit Rufen und Pfeifen.cite-ref-53[53]
UnabhĂ€ngig davon, ob mit Stampfrohren, Rindenklappern, Schlitztrommeln, GegenschlagstĂ€ben aus Bambus oder auf den LoyalitĂ€tsinseln mit BlĂ€tterbĂŒndeln produziert, wird der Musik ein stets gleichbleibender Rhythmus unterlegt, der auf Grande Terre entweder ein Zweiertakt (rythme du pilou) oder ein Vierertakt ist. Letzterer ist den Schlitztrommeln und GegenschlagstĂ€ben vorbehalten. Beim weitaus hĂ€ufigeren rythme du pilou teilen sich die Musiker in zwei Gruppen, die jeweils Stampfrohre und Rindenklappern spielen. Eine Gruppe schlĂ€gt den Upbeat, die andere, gröĂere Gruppe den Downbeat. Dadurch ergibt sich eine abwechselnd starke und schwache Betonung des Grundschlags. Bei der AusfĂŒhrung gibt es regional Abweichungen.
Der gegenwĂ€rtig populĂ€re Musikstil der neukaledonischen Jugend ist der Kaneka, der Musikinstrumente aus der westlichen Popmusik wie E-Gitarre und Schlagzeug mit traditionellen Perkussionsinstrumenten wie Stampfrohre und Rindenklappern verbindet. Musikalische EinflĂŒsse sind Reggae, Rock, Folk und Blues. Auf KonzertbĂŒhnen verwenden die Bands selten Stampfrohre, weil der hölzerne BĂŒhnenboden nicht den erwĂŒnschten dumpfen Ton des Erdbodens ergibt. Bei Studioaufnahmen werden die Bambusrohre ersatzweise auf einen Teppich gestampft.cite-ref-54[54]
Neuguinea
Die traditionelle Musik Neuguineas besitzt in ihrer Vielfalt ĂŒber die Grenze zwischen dem zu Indonesien gehörenden Westneuguinea und der unabhĂ€ngigen OsthĂ€lfte Papua-Neuguinea hinweg viele Gemeinsamkeiten der melanesischen Kultur. Neben zahlreichen regionalen Musikinstrumenten sind die Schlitztrommel garamut und die sanduhrförmige Trommel kundu am weitesten verbreitet.
In der Provinz Oro an der NordkĂŒste im Osten verwenden die Teilnehmer an den GruppentĂ€nzen und GesĂ€ngen groĂe Bambusstampfrohre, die sie auf den Boden stampfen. Einzelne Spieler schlagen kleinere Bambusrohre, die beidseitig offen sind, mit einem Ende gegen den Oberschenkel und mit dem anderen Ende gegen die flache Hand.cite-ref-55[55] Bei den sĂŒdlich der Provinzhauptstadt Popondetta lebenden Managalasi pflegen die Frauen und MĂ€dchen einen Tanz mit Stampfrohren (âurutu). Bei einem dieser TĂ€nze sind sie in BlĂ€tter gekleidet und stampfen, wĂ€hrend sie singen: âIch stampfe den Erdboden mit diesem Rohr.â Die typischen Managalasi-Lieder, die in den 1960er Jahren kaum noch bekannt waren, heiĂen itiuri und werden als Wechselgesang von einem gemischten Chor mit Stampfröhren gesungen.cite-ref-56[56]
In der Kaiserin-Augusta-Bucht an der WestkĂŒste der zu Papua-Neuguinea gehörenden Insel Bougainville leben rund 1500 Sprecher des Banoni, einer austronesischen Sprache, fĂŒr die ihre hauptsĂ€chlich vokale Musik einen wichtigen Platz im tĂ€glichen Leben einnimmt. Bei Beerdigungszeremonien schwanken sie rhythmisch mit dem Körper und stampfen mit FĂŒĂen oder HĂ€nden auf den Erdboden. FrĂŒher wurden bei einer Kindertaufe Lieder (dare) gesungen, begleitet von mehreren Stampfrohren (makau taposa). Die Musiker schlugen die Rohre auf ein langes Brett. Zur Gesangs- und Tanzbegleitung verwenden die Banoni ein tsigul genanntes Bambusstampfrohr, dessen oberes Ende geschlitzt ist und ein RasselgerĂ€usch produziert. Weitere Musikinstrumente der Banoni sind Panflöten aus Bambus, Schlitztrommeln (garamut), ein Mundbogen, eine Bambusmaultrommel (susap) und ein Schneckenhorn.cite-ref-57[57]
Bei den Buin im SĂŒden von Bougainville stoĂen Frauen bei remuremu-Zeremonien, mit denen das gesunde Heranwachsen der Kinder gefeiert wird, wĂ€hrend sie tanzen mit Bambusstampfrohren (tsinguru) auf den Boden. Die Röhren werden einzeln verwendet und sind an beiden Enden offen. FĂŒr ein zusĂ€tzliches RasselgerĂ€usch werden manche Röhren am oberen Ende geschlitzt. Bei der remuremu-Zeremonie werden sie von MĂ€nnern mit Panflöten (takamatsi) unterstĂŒtzt.cite-ref-58[58]
Schlitztrommeln sind besonders vom mittleren Sepik an der NordkĂŒste Papua-Neuguineas wegen ihrer GröĂe, aufwendigen Schnitzereien und ihrer polyrhythmischen Spielweise bekannt. Die dort lebenden Iatmul bewahren ihre zeremoniell verwendeten Schlitztrommeln (mi und wagen) und Membrantrommeln im MĂ€nnerhaus auf. Ungewöhnlich ist, dass die Schlitztrommeln nicht geschlagen, sondern mit einer Stange (njai) in jeder Hand gestoĂen werden. Wenn zwei Musiker an einer Schlitztrommel agieren, dann stehen sie sich gegenĂŒber. Die SchlĂ€ge auf der breiteren Seite des Schlitzes erklingen dumpfer als auf der schmĂ€leren Seite.cite-ref-59[59]
Stampfrohre verwenden die Iatmul in Form von Wassertrommeln, von denen es zwei Typen gibt. Die abuk waak hat einen zylindrischen oder leicht sanduhrförmigen Holzkorpus wie die Trommel kundu. Auf eine WasseroberflĂ€che geschlagen entsteht ein Schlag, der an das mythische Krokodil in der Welt der Ahnen erinnern soll. Die nur am Sepik vorkommende kamikaula hat die Form einer umgedrehten Schale mit einem Loch in der Mitte und wird bei Initiationszeremonien eingesetzt. Anstatt sie zu stampfen, lĂ€sst der Spieler die auf einen Stock als FĂŒhrungsschiene gespieĂte kamikaula in eine Grube fallen und zieht sie an SchnĂŒren wieder heraus. Der Boden der Grube ist entweder mit Wasser bedeckt oder nicht.cite-ref-60[60]
In den 1970er Jahren wurden die Bamboo Bands der Salomonen unter dem Namen bembu ben in Vanuatu und in Teilen von Neuguinea eingefĂŒhrt. Mehrere bis zu zwei Meter lange Bambusrohre mit 7 bis 9 Zentimetern Durchmesser werden floĂförmig zusammengebunden. Ein Ensemble besteht aus mindestens drei Sets der Röhren, die in Basslage auf die hauptsĂ€chlichen Gitarrenakkorde eines MusikstĂŒcks gestimmt sind. In einem dem Boogie-Woogie Ă€hnlichen rhythmisch-melodischen Muster begleiten die Bambusrohre Gitarren und Gesang,cite-ref-61[61] vielleicht ein Bezug zur Bluesmusik afroamerikanischer GIs, die im Zweiten Weltkrieg in Melanesien stationiert waren.cite-ref-62[62]
Polynesien
In Polynesien ist die Verbreitung des Stampfrohrs auf die westlichen Inseln, darunter Samoa und Tonga, konzentriert. Ein isoliertes Vorkommen findet sich auf Hawaii an der Nordspitze des polynesischen Dreiecks. Ăber die frĂŒhere Musik auf der Osterinsel am östlichen Rand Polynesiens ist wenig bekannt. In Mikronesien fehlten Stampfrohre. Allgemein nehmen die Anzahl und die Typen von traditionellen Klangerzeugern in Ozeanien von Westen nach Osten ab.
Samoa
Die traditionelle Musik auf Samoa ist bevorzugt vokal. Die Musikinstrumente gehören ĂŒberwiegend zu den Idiophonen und Membranophonen, Saiteninstrumente waren frĂŒher unbekannt. An Blasinstrumenten gab es frĂŒher einige Flöten, Nasenflöten, Panflöten und bis heute haben sich als Signalinstrumente Schneckenhörner erhalten. Berichten zufolge verwendeten die Samoaner frĂŒher Stampfröhren, Schlagbretter, zusammengeschlagene KokosnusshĂ€lften (ipu) und Schlitztrommeln (logo, nafa und die von Fidschi eingefĂŒhrte lali).cite-ref-63[63]
Die bereits in der zweiten HĂ€lfte des 20. Jahrhunderts verschwundenen Bambusstampfrohre waren als âofe bekannt, die allgemeinen Bezeichnung fĂŒr âBambusâ. Ob sie zur eigenen Tradition gehörten oder zu einer spĂ€teren Zeit eingefĂŒhrt worden waren, ist unklar.cite-ref-64[64] Die erste Beschreibung der samoanischen Stampfrohre stammt vom britischen Missionar George Turner, der 19 Jahre Polynesien bereiste, wovon er die meiste Zeit auf Samoa lebte. Ăber seinen Aufenthalt in der Region veröffentlichte er 1861 ein umfangreiches ethnologisches Werk. Demzufolge verwendeten vier oder fĂŒnf MĂ€nner jeweils ein verschieden langes Bambusrohr, das sie senkrecht auf den Boden oder auf einen Stein stampften, um entsprechend viele Töne zu erzeugen. Stampfrohre, Schlitztrommeln und seitlich geschlagene Bambusrohre wurden zur Begleitung nĂ€chtlicher TĂ€nze eingesetzt.cite-ref-65[65] Der neuseelĂ€ndische Anthropologe Te Rangi HÄ«roa (alias Peter Henry Buck) verfasste 1930 ein Werk ĂŒber die materielle Kultur von Samoa. Darin nennt er den Namen âofe fĂŒr die Stampfrohre und fĂŒgt hinzu, dass bei einer kurzen Bambusröhre das obere offene Ende mehrfach bis zum ersten Nodium lĂ€ngs geschlitzt wurde, um ein zusĂ€tzliches RasselgerĂ€usch zu erzeugen.cite-ref-66[66]
Tonga
Die ersten Missionare kamen am Beginn des 19. Jahrhunderts auf die Insel, die nachfolgend zwar unter deutschem Einfluss stand, aber ein unabhĂ€ngiges Königreich blieb und erst 1900 zu einem britischen Protektorat wurde. Neben starken EinflĂŒssen europĂ€ischer Musik sind noch einige indigene Traditionen erkennbar, die nicht zu den von den protestantischen Missionaren unterdrĂŒckten TĂ€nzen gehörten. Wie etwa in der sogenannten traditionellen Musik von Tuvalu gibt es auf Tonga eine von Samoa beeinflusste neue Tradition. AuĂer den aus Fidschi vor langer Zeit eingefĂŒhrten Schlitztrommeln lali sind die ĂŒbrigen Idiophone der alten Tradition, darunter Stampfrohre, Schlagbretter und Maultrommeln, heute verschwunden.cite-ref-67[67] Ăber die alte Tradition berichtet der britische Seefahrer James Cook, der 1773 vor Tonga ankerte und von den Inselbewohnern freundlich empfangen wurde:cite-ref-68[68]
â⊠wo 18 Musiker die TĂ€nze begleiten ⊠Vier oder fĂŒnf von ihnen hatten StĂŒcke dicken Bambusrohres, drei bis fĂŒnf FuĂ lang, die sie ungefĂ€hr vertikal hielten. Das obere Ende war offen, das untere durch einen Knoten geschlossen. Sie brachten so verschiedene Töne hervor, entsprechend der LĂ€nge der Bambusröhren, aber jeder dieser Töne war tief. Um Kontraste hervorzubringen, schlug ein anderer Mann mit zwei Stöcken sehr schnell auf ein StĂŒck Bambus, das geschlitzt war und auf dem Boden lag. Es entstanden dadurch Töne, die entsprechend hoch waren wie die ersteren tief. Die ĂŒbrigen Musiker sangen wie jene, welche die Bambusröhren spielten, eine weiche und getragene Weise, âŠâ
Wie auf Samoa (âofe) wurden die Stampfrohre auf Tonga mit dem Wort fĂŒr âBambusâ, kofe, benannt, jedenfalls ist kein frĂŒher verwendeter Name ĂŒberliefert. Sie gehörten innerhalb der zwei Kategorien, mit der die Musikinstrumente auf Tonga eingeteilt werden, zu den meâa lea (âklingendes Dingâ). Diese Gruppe umfasst alle geschlagenen Musikinstrumente (Idiophone, Membranophone und moderne Saiteninstrumente). Die Kategorie meâa ifi (âgeblasenes Dingâ) beinhaltet Blasinstrumente.cite-ref-69[69]
Soweit bekannt wurden Stampfrohre frĂŒher (bis zum 18. Jahrhundert) nur beim Tanz meâelaufola zusammen mit gespaltenen Bambusstreifen verwendet. Ein Spieler legte einen oder mehrere BambusstĂ€be vor sich auf den Boden und schlug sie mit zwei Stöcken. Die LĂ€nge dieser StĂ€be betrug, unterschiedlichen Angaben zufolge, ungefĂ€hr 1 bis 5 Meter. Die Stampfrohre dĂŒrften etwa 1,2 bis 1,8 Meter lang gewesen sein. Zwischen den Schlagtönen der BambusstĂ€be und der Stampfrohre soll ein starker klanglicher und rhythmischer Kontrast bestanden haben. Der Tanz und damit diese beiden Perkussionsinstrumente verschwanden offenbar Anfang des 19. Jahrhunderts.cite-ref-70[70]
Ein im Zuge der RĂŒckbesinnung auf verschwundene Musikinstrumente âwiedererinnerterâ Name fĂŒr das vor langer Zeit durch Basstrommeln (nafa lahi) ersetzte Bambusstampfrohr auf Tonga ist tukipitu. Das Wort ist nach der hierfĂŒr verwendeten Bambusart pitu (auf Fidschi bitu), die von kofe unterschieden wird, und dem Verb tuki, âstampfenâ, zusammengesetzt. Es gibt Versuche, auch die Tradition des Stampfrohrs wiederzubeleben. Eine BĂŒhnenauffĂŒhrung fand 2015 im Rahmen einer von der Pacific Arts Association (PAA) auf Tonga organisierten Kulturveranstaltung statt. Sein Spiel wird faiva tukipitu und die Herstellung des Rohrs tufunga ngaohitukipitu genannt.cite-ref-71[71] FĂŒr die Wiederbelebung alter Musikinstrumente auf Tonga engagiert sich eine Gruppe von Musikern um Tuâifonualava Kaivelata, die sich Fangufangu Minoa âO Tonga nennt (âMoll-Ton Nasenflöte von Tongaâ). Ein historisches Exemplar eines Stampfrohrs aus Tonga wird im norwegischen UniversitĂ€tsmuseum Bergen aufbewahrt.cite-ref-72[72]
Hawaii
Auf Hawaii wird das Stampfrohr kÄÊ»ekeÊ»eke paarweise zur Begleitung mancher Hula-Tanzlieder (mele hula) verwendet. Die beiden Röhren aus dĂŒnnwandigem Bambus sind unterschiedlich lang und bestehen aus einem Internodium mit typischerweise etwa 50 Zentimeter LĂ€nge. Der am Boden kniende Musiker hĂ€lt in jeder Hand ein Bambusrohr und stampft es senkrecht auf den harten Boden. Die tiefer tönende Röhre erklingt auf den Hauptschlag, die höhere Röhre unterteilt deren rhythmisches Muster. Mythischen ErzĂ€hlungen zufolge soll das Stampfrohr zwischen dem 14. und 16. Jahrhundert aus Tahiti eingefĂŒhrt worden sein.cite-ref-73[73]
Traditionelle mele hula, die vor Anfang des 19. Jahrhunderts, der Ankunft der amerikanischen Missionare, bekannt waren, werden von einem SolosĂ€nger oder einem Chor wĂ€hrend des Gruppentanzes (hula) vorgetragen und von einem einfachen Rhythmus begleitet. Die Hula-Lieder sind poetische Texte in metrischer Form fĂŒr die AuffĂŒhrung als Tanz. Als Rhythmusinstrumente dienen eine oder mehrere pahu hula (mit den HĂ€nden geschlagene und mit einer Membran aus Haifischhaut bespannte einfellige Holztrommel), ipu hula (âTanz-Kalebasseâ, irrefĂŒhrend âKĂŒrbis-Tanztrommelâ) oder ipu heke (âdoppelte Kalebasseâ). Letztere besteht aus zwei verbundenen Kalebassen, die ein sanduhrförmiges Idiophon ergeben, das auf den Boden gestoĂen und mit den HĂ€nden geschlagen wird.cite-ref-74[74] Das kÄÊ»ekeÊ»eke wird in Kombination mit den anderen Perkussionsinstrumenten oder allein gespielt.cite-ref-75[75]
Bs in die 1860er Jahre wurden die Hula-TĂ€nze von den Missionaren in den Untergrund verdrĂ€ngt, erst danach konnten sie in neuer Form wiederbelebt werden.cite-ref-76[76] Andere alte traditionelle Rhythmusinstrumente sind Stampfbrett (papa hehi, mit den FĂŒĂen gestampft), Kalebassenrassel (Ê»ulīʻulÄ«), BambusgefĂ€Ărassel (pĆ«âili), GegenschlagstĂ€be aus Hartholz (kalaÊ»au) und Kieselsteine als Klappern (Ê»iliÊ»ili).
Osterinsel
Die Osterinsel ist die östlichste polynesische Insel. Die vorkoloniale Musikkultur ist dort weitgehend verschwunden und durch christliche und weltliche Lieder, die katholische Missionare aus Tahiti in der zweiten HĂ€lfte des 19. Jahrhunderts brachten, ersetzt worden. Ab den 1950er Jahren wurden populĂ€re Musikstile aus SĂŒdamerika eingefĂŒhrt. Von der traditionellen, ĂŒberwiegend vokalen Musik sind nur wenige Instrumente ĂŒberliefert. Aus der alten Tradition verblieben Tanzbewegungen in Verbindung mit Gesang, bei denen die Teilnehmer mit den HĂ€nden klatschen und mit den HĂ€nden rhythmisch auf den Boden schlagen. Als Rhythmusinstrument wurde frĂŒher zur Gesangs- und Tanzbegleitung eine Steinplatte zur KlangverstĂ€rkung ĂŒber eine Kalebassenhalbschale (keho) gelegt, auf dem Boden einer Erdgrube platziert und mit Stöcken gestampft. Einem Bericht zufolge gab es frĂŒher auch Schneckenhörner. Andere Musikinstrumente, die aus Tahihi oder SĂŒdamerika eingefĂŒhrt wurden, gelten heute als traditionell.cite-ref-77[77]
SĂŒdostasien
Philippinen
Auf die Inseln der Philippinen ĂŒbte der seit der zweiten HĂ€lfte des 1. Jahrtausends aus Indien kommende hinduistische und buddhistische Kultureinfluss, der den ĂŒbrigen Malaiischen Archipel und das sĂŒdostasiatische Festland prĂ€gt, kaum Einfluss aus. Durch die nachfolgenden muslimischen Einwanderer wurden lediglich einige Inseln im SĂŒden islamisiert, die ĂŒbrigen Inseln erlebten erst mit der spanischen Kolonialherrschaft ab Ende des 16. Jahrhunderts einen tiefgreifenden kulturellen Wandel.cite-ref-78[78]
Mindanao und andere sĂŒdliche Inseln gehören zur Verbreitungsregion der malaiischen Buckelgongs. Landesweit blieben unter den indigenen Bevölkerungsgruppen in abgelegenen Regionen weitere vorspanische, das heiĂt malaiische Musiktraditionen erhalten.cite-ref-79[79] Nur bei indigenen Gruppen erhalten gebliebene Musikinstrumente aus Bambus sind unter anderem Bambusröhrenzithern mit mehreren Saiten (wie die kolitong im Norden der Philippinen) und mit zwei Saiten (Ă€hnlich der gumbeng auf Java), FloĂzithern, Stampfrohre und Bambusschlaggabeln (Klappern entsprechend der nordostindischen toka). Stampfrohre verwendeten etwa die Manobo im Norden von Mindanao in der Provinz Agusan del Norte. In der dortigen Provinz Bukidnon gibt es eine talupak genannte Bambusröhrenzither mit mehreren idiochorden (aus dem Bambus herausgetrennten) Saiten, die parallel um die gesamte Röhre verlaufen. Die Röhre ist zusĂ€tzlich in der LĂ€nge geschlitzt, sodass die Enden wie bei einer Klapper zusammenschlagen. Bauern stoĂen das Instrument als Stampfrohr auf den Erdboden, um so zugleich Löcher zum Setzen der Reispflanzen einzudrĂŒcken.cite-ref-80[80]
Die Kalinga und Tingguian (auch Itneg) auf dem Hochland der nördlichen Insel Luzon nennen ihr Bambusstampfrohr tongatong. Die Kalinga bilden ein Ensemble aus sechs Stampfrohren unterschiedlicher LĂ€nge, die sie auf den Boden oder auf ein Holzbrett stampfen. Ein Spieler hĂ€lt mit einer Hand das Rohr und deckt mit der anderen Hand das offene obere Ende partiell ab, verschlieĂt es mit der HandflĂ€che oder drĂŒckt leicht gegen den Rand, um Klang und Tonhöhe zu verĂ€ndern. Ein oben geschlossenes Rohr produziert einen gedĂ€mpften Ton (okak), ein offenes Rohr einen klaren Ton von bestimmter Höhe (bvungog). Diese beiden KlangqualitĂ€ten gelten auch fĂŒr das Bambusxylophon pattatag und die zweisaitige Bambusröhrenzither tambi.
Wie anderswo werden die Stampfrohre aus einer dĂŒnnwandigen Bambusart (bvulo) hergestellt, ebenso XylophonklangstĂ€be und Flöten; Röhrenzithern und Maultrommeln hingegen aus dickwandigem Bambus. FĂŒr die sechs Röhren eines Ensembles benötigt es ĂŒblicherweise sechs Internodien, deren nach oben abnehmende LĂ€nge die Abstufung des Sets grob vorgibt, sodass es nur noch der Feinabstimmung bedarf. In manchen FĂ€llen werden auch zwei Internodien benötigt. Die LĂ€ngen betragen zwischen 40 und 100 Zentimeter.cite-ref-82[82]
Indonesien
Dem tongatong Ă€hnliche Stampfrohr-Ensembles sind auch von mehreren Orang-Asli-Gruppen im Inneren der Malaiischen Halbinsel und von den indonesischen Inseln Java, Madura, Bali und Flores bekannt. Unter den zahlreichen indonesischen Musikinstrumenten dominieren die Perkussionsinstrumente und Flöten (suling). Abgesehen von den charakteristischen, kurz vor der Zeitenwende eingefĂŒhrten Idiophonen aus Bronze wird ein groĂer Teil der Musikinstrumente seit Ă€ltesten Zeiten â oder in der Gegenwart als kostengĂŒnstiger Ersatz fĂŒr europĂ€ische Blechblasinstrumente â aus Bambus gefertigt: Xylophone mit Holz- oder Bambusklangplatten, Röhrenzithern, BambusschĂŒttelidiophone angklung, Bambusschlitztrommeln und das seltene bumbung, das einem einfachen Bambusstampfrohr entspricht, aber zu den Blasinstrumenten gehört; auĂerdem GegenschlagstĂ€be (wie die senggayung der Dayak in Kalimantan) und Stampfrohre. Der Stampftrog lesung der Frauen ist von einem alten Fruchtbarkeitskult zu einem Unterhaltungsmedium geworden.
Bumbung (bedeutet allgemein auf Indonesisch âGefÀà aus einem Bambusrohrâ) gab dem balinesischen dörflichen Unterhaltungstanz joged bumbung seinen Namen, zu dessen Begleitorchester unter anderem mehrere Bambusxylophone rindik, die Flöte suling, Trommeln kendang und Zimbeln ceng-ceng ricik gehören. Das Rhythmusmuster basiert auf einem Satz von vier Bambusstampfrohren bumbung (oder bungbung) unterschiedlicher Tonhöhe, die nach einer Beobachtung in den 1930er Jahren in einer Reihe stehende Frauen Ă€hnlich wie beim Stampftrog lesung auf ein in HĂŒfthöhe liegendes Brett schlugen.cite-ref-83[83]
In Westjava (Sundaregion) bestehen Stampfrohre aus einem Bambusinternodium. Jeder Spieler hĂ€lt zwei unterschiedlich lange Bambusrohre in den HĂ€nden und stampft sie auf einen Stein oder eine andere harte OberflĂ€che. Jaap Kunst (1949) zufolge beschĂ€ftigten sich in der westjavanischen Bergregion Parahyangan (Preanger) hauptsĂ€chlich junge Ziegenhirten mit den Stampfrohren. Im Bezirk Bandung wurde das Stampfrohr kinchir (sundanesisch fĂŒr âSpinnradâ) genannt und in der Stadt Tasikmalaya kendang awi. Letzteres ist auch die Bezeichnung fĂŒr eine idiochorde Bambusröhrenzither, die in der Sundaregion ansonsten celempung heiĂt. Frauen, die frĂŒher Wasser in Bambusröhren (sundanesisch lodong, groĂer Durchmesser und meist zwei Internodien)cite-ref-84[84] transportierten, verwendeten diese ebenso gelegentlich als Stampfrohre.cite-ref-85[85]
Die Ngada im gleichnamigen Regierungsbezirk auf der Insel Flores verwenden das Bambusstampfrohr thobo manchmal zur Begleitung endgeblasener Flöten, die sie solo oder in Ensembles spielen.cite-ref-86[86]
Im Regierungsbezirk Sikka spielt im Ensemble letor ein Musiker zwei 40 bis 50 Zentimeter lange Bambusstampfrohre boku. Hinzu kommen drei Musiker mit dreisaitigen idiochorden Bambusröhrenzithern toda (Àhnlich der balinesischen guntang). Einer dieser Musiker spielt drei, ein Musiker zwei und der dritte Musiker eine toda. In einem anderen, todagu genannten Ensemble im Regierungsbezirk Ngada sind die Stampfrohre durch zwei einfellige, aufrecht stehende Trommeln laba toda ersetzt.cite-ref-87[87]
In den 1890er Jahren sammelten die Schweizer Naturforscher Fritz und Paul Sarasin im Bezirk Bolaang Mongondow in der Provinz Nordsulawesi einen Reisstampfer bestehend aus einer 177 Zentimeter langen Holzstange, die im unteren Teil einen runden und im oberen Drittel einen quadratischen Durchmesser besitzt. Im oberen Teil sind lĂ€ngs zwei langrechteckige Aussparungen herausgeschnitten, in denen jeweils ein kurzer Holzpflock als Klöppel eingesetzt ist, der frei gleiten kann. Beim Stampfen schlagen die Klöppel oben und unten gegen den Stock und verursachen ein prasselndes GerĂ€usch zusĂ€tzlich zum Stampfrhythmus. Das Instrument diente vielleicht zur Aufmunterung bei der Arbeit oder zur akustischen Kontrolle fĂŒr den Arbeitgeber. FĂŒr den ersten Fall verweisen die Autoren auf ein andernorts rituell (âfeierlich und ernstâ) durchgefĂŒhrtes Stampfen der Löcher fĂŒr das anschlieĂende Setzen der Reispflanzen.cite-ref-88[88] Ăber Ă€hnliche zusĂ€tzliche Schlagfolgen zum Arbeitsrhythmus berichten die beiden Sarasin aus Enrekang in der Provinz SĂŒdsulawesi. Dort fanden sie einen Webstuhl, bei dem eine Stange rinnenförmig ausgehöhlt war. Im Hohlraum waren BambusstĂŒcke eingeschlossen, die bei Bewegung der Stange klapperten.cite-ref-89[89]
Malaysia
Die Kajang und Sekapan, ethnische Minderheiten im malaysischen Bundesstaat Sarawak, verwenden ein mindestens zwei Meter langes dĂŒnnes Bambusstampfrohr kesut in Prozessionen bei fast allen zeremoniellen AnlĂ€ssen. Das Bambusrohr ist hĂ€ufig im oberen Bereich mit engen parallelen Schnitten eingeritzt, sodass die Fasern der oberen Schicht abstehende BĂŒschel bilden. Die Spieler gehen traditionell mit den kesut auf der Verandah des Langhauses in zwei Gruppen in einer Reihe und stampfen auf den Bretterboden. Gestampft wird in gleichbleibendem Tempo. Bei einem Vierertakt schlĂ€gt eine Gruppe auf 1 und 3, die zweite Gruppe auf 2 und 4. Der leitende Spieler hĂ€lt zwei kesut in den HĂ€nden und stampft auĂerhalb des Rhythmusmusters der anderen.cite-ref-90[90] Bei BĂŒhnenauffĂŒhrungen (tarian kesut) anlĂ€sslich von Kulturveranstaltungen stampfen die Ensemblemitglieder auf ein frei schwingendes langes Brett am Boden.cite-ref-91[91]
Die Senoi bilden die gröĂte Gruppe der Orang Asli (indigenen Bevölkerung) der Malaiischen Halbinsel. Bei einer rituellen Gesangs- und TanzauffĂŒhrung stampfen Frauen und MĂ€dchen paarweise mit einem kurzen, hoch tönenden (âweiblichenâ) und einem langen, tief tönenden (âmĂ€nnlichenâ) Bambusrohr, wĂ€hrend sie mit einem Chorgesang auf die Stimme eines mĂ€nnlichen Schamanen antworten, der in einem Trancezustand das Land der Geister besucht.cite-ref-92[92] Die Senoi-Frauen halten in jeder Hand eines der ungleich langen Bambusrohre, die sie chentoq nennen, und stampfen damit abwechselnd bei den nĂ€chtlichen Ritualen. Dieselben Bambusrohre werden auch als WasserbehĂ€lter und KochgefÀà verwendet.cite-ref-93[93]
Ostasien
Bambus ist eine der acht Kategorien der chinesischen Musikinstrumente, die aus zahlreichen, seit Ă€ltester Zeit gespielten Bambusflöten besteht. AuĂer bei Flöten, Panflöten, den Spielpfeifen der Mundorgel sheng sowie frĂŒher Bambusröhrenzithern und Maultrommeln wird Bambus kaum fĂŒr Musikinstrumente verwendet. Das châung tu (auch chundu) ist ein historisches chinesisches Perkussionsinstrument, das ursprĂŒnglich ein Stampfrohr aus Bambus war. Ein Teil der RohrlĂ€nge war vom oberen Ende in mehrere Streifen gespalten, die beim Aufschlagen auf den Boden ein klapperndes oder raschelndes GerĂ€usch verursachten.cite-ref-94[94]
Chinesische Ăberlieferungen aus der Tang-Dynastie (617â907) beschreiben eine BlĂŒtezeit der höfischen Orchester, die zusammengenommen aus 500 bis 700 Mitgliedern bestanden. Eines dieser Orchester setzte sich demnach aus 20 Kegeloboen (suona), 200 Mundorgeln (sheng), 40 Flöten, 128 Lauteninstrumente, 120 Harfen (konghou) 2 Klangsteinspielen (bianqing), 2 Glockenspielen (bianzhong) und etlichen Trommeln zusammen. Ein Tanzorchester bestand aus 44 Musikern. Davon bildeten 20 Trommler (ya) den Rand eines Kreises, der ein Quadrat umschloss, in welchem 24 Musiker mit Stampfrohren, Bambusklappern und Trommeln positioniert waren.cite-ref-95[95]
Zu einer spĂ€teren Zeit bezeichnete châung tu ein StabklappernbĂŒndel, das aus zwölf etwa 30 Zentimeter langen und 2,5 Zentimeter breiten Bambusstreifen bestand, die â an einem Ende zusammengebunden â bei zeremoniellen AnlĂ€ssen mit einer Hand auf die andere HandflĂ€che geschlagen wurden.cite-ref-96[96]
Afrika
Ăber 6000 Jahre alte Tanzszenen von neolithischen JĂ€gern, die an FelswĂ€nden in der algerischen Sahara abgebildet sind, erinnern an den Stampftanz ndlamu der Zulu in SĂŒdafrika.cite-ref-98[98] Die Ă€ltesten und bis heute vorkommenden Methoden der rhythmischen Strukturierung des Gesangs sind in Afrika wie allgemein HĂ€ndeklatschen und FuĂstampfen, hĂ€ufig durch Rasseln an den FuĂgelenken verstĂ€rkt. Gelegentlich kann auch die Stimme eingesetzt werden, um Trommeln und andere Perkussionsinstrumente zu imitieren.cite-ref-99[99] Stampfrohre werden in Afrika zur Gesangs- und Tanzbegleitung und in der zeremoniellen Musik (fĂŒr Fruchtbarkeitsrituale) eingesetzt.
In Westafrika mĂŒssen Stampfrohre frĂŒher weit verbreitet gewesen sein, weil von hier die Tradition im 19. Jahrhundert in die Karibik gelangte. Weitere Verbreitungsregionen sind die ostafrikanische KĂŒste, wo Stampfrohre nicht in reinen Ensembles wie in Westafrika ĂŒblich, sondern hauptsĂ€chlich zusammen mit anderen Musikinstrumenten gespielt werden. Vereinzelt kommen oder kamen Stampfrohre in Zentralafrika und im sĂŒdlichen Afrika vor.
Ghana, Benin
Ein Instrument, das die Möglichkeiten des Körperschlags mit den HĂ€nden erweitert, ist das westafrikanische Kalebassen-Stampfrohr (âSchlagkĂŒrbisâ, englisch gourd-stamping tube). Es besteht aus einer langen schlanken oder flaschenförmigen Kalebasse, die mit einer der beiden Ăffnungen auf einen Unterarm, Oberschenkel oder einen anderen Körperteil gestoĂen wird. Bei den Akan in Ghana heiĂen dieses Stampfrohr, der dazu gehörende Gesang und der Tanz adenkum. Das ĂŒberwiegend von Frauen verwendete adenkum ist ein dickbauchiger FlaschkĂŒrbis, der mit einer Hand oben am Hals gehalten und mit dem breiten Ende auf den Oberschenkel gestoĂen wird, was einen hellen Schlag ergibt. Mit der anderen HandflĂ€che schlagen die Musikerinnen auf die Ăffnung am Hals, um einen krĂ€ftigeren dumpfen Ton zu erzeugen. Adenkum ist ein fröhlicher Gesangsstil, der an das von den Ahnen Ererbte erinnern soll.cite-ref-100[100]
In der zweiten HĂ€lfte des 17. Jahrhunderts ĂŒbernahmen die Ga im sĂŒdöstlichen Ghana von benachbarten Akan den bei BegrĂ€bnissen und anderen Zeremonien der Gemeinschaft aufgefĂŒhrten Tanzmusikstil Adowa.cite-ref-101[101] Heute wird der an die Sozialstruktur der Ga angepasste Adowa hauptsĂ€chlich bei BegrĂ€bnissen und beim jĂ€hrlichen Erntedankfest zur Erinnerung an die Ahnen gezeigt. AufgefĂŒhrt wird Adowa von zwei Varianten des Ensembles. Im Ensemble Nungua werden Trommeln verwendet, die aus dem Holz heiliger BĂ€ume gefertigt wurden, deshalb sie als Kultobjekte gelten und von Frauen nicht gespielt werden dĂŒrfen. Frauen ersetzen diese Trommeln im Ensemble Osu durch drei Stampfrohre pamploi (Singular pamplo) aus Bambus. Jeweils eine Frau spielt eines der unterschiedlichen pamploi, die zwischen 30 und 40 Zentimeter lang sind. Die ĂŒbrigen Musikinstrumente in beiden Ensembles sind eine den Takt markierende klöppellose Handglocke ngongo und mehrere Kalebassenrasseln fao.cite-ref-102[102] Zwei der pamploi produzieren mit einem höheren Ton Begleitrhythmen, wĂ€hrend der tiefer klingende pamplo rhythmisch improvisiert. Meist werden sie auf Steinplatten gestampft.cite-ref-103[103]
In den 1990er Jahren wurde im Dorf Mesomagor (40 Kilometer nördlich von Cape Coast) das Kukyekukyeku Bamboo Orchestra gegrĂŒndet, um eine einige Jahrzehnte zuvor verlorengegangene Tradition des Dorfes wiederzubeleben. Das Orchester besteht aus vier namentlich unterschiedenen Gruppen von Bambusstampfrohren und einer Handglocke (Doppelglocke gankogui) als Taktgeber. Die Röhren sind ein bis zwei Internodien lang, von mittleren Durchmessern und werden mit einer Ausnahme vom sitzenden Musiker auf eine feste Unterlage (Holzkiste) gestampft. Die Ausnahme ist das Bass-Stampfrohr aus zwei Internodien und einem Durchmesser von mindestens 12 Zentimetern, das im Stehen gestampft wird. Zwei Musiker spielen zwei Stampfrohre zugleich, einer spielt eine kurze Röhre mit der Freiheit, rhythmisch improvisieren zu dĂŒrfen, und ein Musiker spielt das einzelne Bass-Stampfrohr. Musikalisch orientiert sich das Orchester am Tanzmusikstil Highlife. Neben dem zur selben Zeit gegrĂŒndeten Kakum-Nationalpark trĂ€gt das Orchester zu den wachsenden Einnahmen aus dem TourismusgeschĂ€ft bei. Das Orchester ist das Resultat einer kollektiven wirtschaftlichen Umorientierung der Dorfgemeinschaft, deren bisherige Lebensgrundlagen Jagd und Holzgewinnung durch die Einrichtung des Nationalparks weggebrochen waren.cite-ref-104[104]
Ein Ă€hnliches Orchester in Ghana mit einem BĂŒhnenprogramm ist das Nyamebekyere Bamboo Orchestra im Dorf Nyamebekyere im Akwapim-Kulturgebiet in der Eastern Region.cite-ref-105[105]
Der französische Musikwissenschaftler Julien Tiersot veröffentlichte 1903 einen Aufsatz ĂŒber die Musik von Dahomey (heute Benin), worin er neben den hauptsĂ€chlich gebrauchten, teilweise mehr als zwei Meter langen Trommeln das 30 Zentimeter lange Bambusstampfrohr cucugocu erwĂ€hnt, das von einem hockenden Spieler im Takt auf den Boden gestoĂen wurde.cite-ref-106[106]
Nigeria
Die Idoma in Nigeria kennen das Kalebassen-Stampfrohr als ĂČbĂČ (oder ĂČpĂČ) und die Hausa als shantu. In Nigeria ist das Kalebassen-Stampfrohr lang, schlank, an beiden Enden offen und wird auf dieselbe Art von Frauen zur Unterhaltung gespielt.cite-ref-107[107] Die mit dem shantu gespielte Musik hat ihren Ursprung bei Frauen der muslimischen Hausa im Norden Nigerias, die in der Abgeschiedenheit eines Harems lebten. Die Frauenlieder konnten nur von der MĂ€nnerwelt abgeschottet im Innenhof eines Hauses gesungen werden, allein schon wegen der Bekleidungsvorschriften, da die Frauen ihr Kleid ĂŒber ein Knie heben mussten, um das shantu mit einem Ende auf den nackten Oberschenkel stoĂen zu können.
Nachdem der KĂŒrbis ausgehöhlt und getrocknet ist, reiben ihn die Frauen mit Ăl ein und ritzen mit einem Messer geometrische Ornamente oder Figuren ein (nach einer Beschreibung von 1955 FahrrĂ€der und andere Zivilisationsprodukte der europĂ€ischen Kolonialzeit). Die so dem shantu entgegengebrachte WertschĂ€tzung hĂ€ngt auch mit der Bedeutung des KĂŒrbis als GlĂŒcks- und Fruchtbarkeitssymbol zusammen. Dementsprechend sind es freudige AnlĂ€sse fĂŒr die Zusammenkunft zum shantu-Liedersingen wie das Bekanntwerden einer Schwangerschaft oder eine Geburt. Die Anzahl der Teilnehmerinnen richtete sich nach der Zahl der Ehefrauen (bis zu vier nach muslimischem Recht) und in einem reichen Haushalt auch nach der Zahl der Konkubinen und Bediensteten. Meist sangen und musizierten mehr als vier Frauen, teilweise unterstĂŒtzt durch kleine Jungen mit taktgebenden Perkussionsinstrumenten.cite-ref-108[108] Heute fĂŒhren Frauen shantu-Lieder auch in der Ăffentlichkeit auf.cite-ref-109[109] Im Zuge des Sklavenhandels gelangte das shantu mit weiblichen Sklaven vereinzelt auch nach Nordafrika.cite-ref-110[110]
Uganda
Ein allgemeines Verb â(ein Musikinstrument) spielenâ ist in afrikanischen Sprachen ungebrĂ€uchlich. Stattdessen werden je nach Instrumententyp unterschiedliche Verben verwendet, die in ihrer Grundbedeutung hĂ€ufig âschlagenâ bedeuten. In Uganda bezieht sich beispielsweise okuteera gleichermaĂen auf das HĂ€ndeklatschen omungaro, die einsaitige Fiedel endingidi, die Trogzither inanga und die LĂ€ngsflöte emubanda. Ein Verb, okuhonda (âstampfenâ), wird nur fĂŒr ein einziges Musikinstrument gebraucht: das Bambusstampfrohr entimbo.cite-ref-112[112]
Das entimbo ist ein etwa 100 Zentimeter langes Bambusrohr von 7 bis 9 Zentimetern Durchmesser. Es wird oder wurde ausschlieĂlich von MĂ€nnern der Nkole (Banyankole) im Reich Ankole in leicht gebeugter Position auf den Boden gestampft, sodass ein dumpfer Schlag entsteht. Dieser ergĂ€nzt klanglich die Rhythmen von Trommeln und Rasseln, ohne die es nie eingesetzt wird.cite-ref-113[113] Die Ankole im SĂŒdwesten Ugandas werden auf sozialer Ebene in Vieh zĂŒchtende Hima und in Ackerbau treibende Iru eingeteilt. Letztere besitzen ein gröĂeres traditionelles Instrumentarium, das ĂŒberwiegend aus Perkussionsinstrumenten besteht. Zu diesen gehörten frĂŒher die Trommeln des königlichen Trompetenensembles amakondere, verschiedene Rasseln, die aus einem Tontopf bestehende Wassertrommel nyungu und das entimbo. FrĂŒher gehörte das entimbo auch zum Tanz ekitaaguriro, der durch heftiges FuĂstampfen und kreisende Armbewegungen gekennzeichnet ist.cite-ref-114[114]
Kenia, Tansania
Von den ĂŒbrigen Stampfrohr-Traditionen in Ostafrika liegen nur vereinzelte und spĂ€rliche Berichte vor. Die Kamba im Osten Kenias spielen oder spielten das kyaa (oder kya, frĂŒherer Name muvungu), ein seltenes Stampfrohr aus dem Holz einer Euphorbia-Art. Ein ausgehöhlter Stamm wird am unteren Ende anstelle des fehlenden Wachstumsknotens mit einer Kappe verschlossen. Das leicht gebauchte Holzrohr ist ein Meter lang und hat einen Durchmesser von etwa 22 Zentimetern. An einem umgebundenen Draht sind Metallrasseln befestigt, die beim Stampfen ein zusĂ€tzliches GerĂ€usch verursachen. Das kyaa ist vermutlich nahezu oder völlig verschwunden.cite-ref-115[115]
Ein an beiden Enden offenes Bambusrohr namens mivungu verwendete die zu den Mijikenda gezĂ€hlte Ethnie der Chonyi an der kenianischen KĂŒste.
Die im Nordosten Tansanias lebenden Pare gaben den ethnographischen Notizen des deutschen Siedlers Anton Karasek zufolge Anfang des 20. Jahrhunderts den Ă€hnlich klingenden Namen muzungu (mzungu, Plural mizungu)cite-ref-116[116] fĂŒr ein etwa 200 Zentimeter langes und 5 Zentimeter dickes Bambusstampfrohr an. So hieĂ auch der Tanz, bei dem die TĂ€nzer das Bambusrohr auf den Boden stampften. Karaseks Beschreibung enthĂ€lt die Abbildung eines 137 Zentimeter langen Bambusrohrs. Es ist nicht klar, ob dieses Stampfrohr am unteren Ende offen oder geschlossen war. Auch die Beschreibung eines Bambusrohrs oder wohl eher eines Stampfstabs der Shamba im Gebiet der Usambara-Berge ist nicht eindeutig zu interpretieren. Bekannt ist lediglich sein Name bazaracite-ref-117[117] und seine Verwendung zur Tanzbegleitung.cite-ref-118[118]
Kongo
Im Königreich Loango in der heutigen Republik Kongo gab es einer Beschreibung vom Anfang des 20. Jahrhunderts zufolge wie in Nigeria ein StampfgefÀà (dikanmbo) aus einer Kalebasse oder aus der Frucht des Affenbrotbaums, das abwechselnd mit der unteren Ăffnung auf einen Schenkel und oben mit der flachen Hand geschlagen wurde. Die Nkole in Uganda schlugen auf Ă€hnliche Weise nach dem Prinzip eines Explosivaerophons mit einem Lappen auf die Ăffnung eines Wasserkrugs.cite-ref-119[119] Das StampfgefÀà in Loango wurde ntubu (Plural sintubu) genannt und zusammen mit einem Schraper bei der Initiation (nkumbi) junger MĂ€dchen verwendet. Auch dieser Beschreibung ist nicht zu entnehmen, ob das StampfgefÀà einseitig oder beidseitig eine Ăffnung besaĂ: eine Unklarheit, die fĂŒr einige in kolonialzeitlichen Schriften als âSchlagkĂŒrbisâ aufgefĂŒhrte Musikinstrumente besteht.cite-ref-120[120]
Angola
Bambus wird hĂ€ufig im Umkreis von Ackerbau treibenden Gehöften angebaut. Die traditionell als nomadische JĂ€ger und Sammler lebenden !Kung im sĂŒdlichen Afrika verwenden stattdessen fĂŒr ihr Stampfrohr bavugu die Fruchtschale der wildwachsenden Art Strychnos spinosa (âKaffer-Orangeâ), die ihnen auch zur ResonanzverstĂ€rkung ihres Musikbogens anstelle der sonst ĂŒblichen Kalebasse dient. Das bavugu besteht aus drei in einer Reihe mit schwarzem Wachs verklebten Fruchtschalen. Frauen der !Kung halten das Instrument mit der linken Hand und stoĂen es auf ihren linken Schenkel, wĂ€hrend sie mit der rechten Hand auf die obere Ăffnung schlagen.cite-ref-122[122]
Madagaskar
Idiophone sind in der traditionellen Musik Madagaskars die wichtigste Instrumentengruppe, die aus Schrapern, Rasseln, Klappern, Stampfrohren und dem Schenkelxylophon atranatracite-ref-123[123] besteht.cite-ref-124[124] Alle genannten Instrumentengruppen und weitere Klangerzeuger (wie die Röhrenzither valiha) sind aus Bambus gefertigt.
Curt Sachs (1938) gibt nach Berichten um 1900 den Namen doka fĂŒr ein 60 Zentimeter langes Bambusstampfrohr an, das in einer unbekannten Region zur Tanzbegleitung verwendet wurde.cite-ref-125[125] Die Ethnien der Tanala und Betsileo im sĂŒdlichen zentralen Hochland nennen das Stampfrohr Norma McLeod (1977) zufolge auf Malagasy dombolo. McLeod beruft sich auf den katholischen Pater Henry Dubois, der 1906 in Madagaskar ankam und 1938 eine Monographie des BetsilĂ©o (Madagascar) veröffentlichte. Weitere Namen waren demnach dombolon-dolo (âdombolo der Geisterâ) und kidombolondolo.
Anders als in den meisten Kulturen wurde das Stampfrohr in Madagaskar nicht zu mehreren mit verschiedenen Tonhöhen, sondern ĂŒblicherweise nur einzeln verwendet. Lediglich zur KlangverstĂ€rkung wurden, wie aus den Aufzeichnungen von Paper Dubois hervorgeht, gelegentlich mehrere Röhren zusammengebunden, um sie gemeinsam auf den Boden zu stampfen. Damit scheint das Stampfrohr als ein Beispiel fĂŒr den Kulturtransfer von den indonesischen Inseln nach Madagaskar, der etwa fĂŒr die Bambusröhrenzither valiha vermutet wird, nicht infrage zu kommen. AuĂerdem kann ein derart einfacher Klangerzeuger prinzipiell ĂŒberall unabhĂ€ngig eingefĂŒhrt worden sein.cite-ref-126[126] McLeod fand bei ihrem Aufenthalt lediglich zwei Exemplare mit jeweils drei durch Hautstreifen verbundenen Röhren von unterschiedlicher LĂ€nge, die kidi-dombolo (âkleine domboloâ) genannt wurden.
Anfang des 20. Jahrhunderts wurden die Stampfrohre bei zwei magischen Ritualen gebraucht. Das eine Ritual (salamanga) war die Initiation eines Heilers, bei welcher der Initiant in den Zustand der Besessenheit von einem bösen Geist geriet, die ihn zwang, tagelang wilde zuckende Tanzbewegungen zu machen. Die TĂ€nze wurden lautstark von HĂ€ndeklatschen und Schlaginstrumenten begleitet. Beim zweiten Tanz (bilo) geriet eine gröĂere Personengruppe in einen als âepidemischâ beschriebenen psychischen Ausnahmezustand, der fĂŒr Pater Dubois die Folge eines Malariafieberschubs war. In den 1970er Jahren war aus diesem Tanz eine kontrollierte und zeitlich begrenzte AuffĂŒhrung eines Ekstasetanzes geworden. Tanala scheint der Ausgangspunkt und das Verbreitungszentrum der madegassischen StampfrohrtĂ€nze gewesen zu sein.cite-ref-127[127]
Karibik
Trinidad
Schwarzafrikanische Sklaven, die ab Anfang des 16. Jahrhunderts im Zuge des transatlantischen Sklavenhandels in die Karibik verschleppt worden waren, brachten die Musiktraditionen ihrer west- und zentralafrikanischen Heimat mit. Eine der wenigen Möglichkeiten zur kulturellen Entfaltung bei den harten Arbeits- und Lebensbedingungen als Sklavenarbeiter bot ihnen das Trommelspiel bei abendlichen und nĂ€chtlichen Versammlungen. Auch nach der Abschaffung der Sklaverei im Britischen Weltreich, die im Slavery Abolition Act 1833 Gesetzeskraft erlangt hatte, blieben die weithin hörbaren afrikanischen Trommelrhythmen fĂŒr die Unterhaltung bei gesellschaftlichen Treffen wesentlich. Nachdem es bei solchen Treffen 1881 und 1884 auf Trinidad zu Unruhen unter den Nachfahren der befreiten Sklaven gekommen war, verbot die britische Kolonialverwaltung das Spiel afrikanischer Trommeln.cite-ref-128[128] Die Behörden wollten auch nicht weiter die groĂen Menschenmengen zulassen, die bei Karnevalveranstaltungen zu den âwildenâ afrikanischen StocktĂ€nzen zusammenströmten. Geplant war auĂerdem, mit den Trommeln die zum Shango-Kult gehörenden religiöse Zeremonien zu untersagen.
Die Verbote erwiesen sich als praktisch nicht umsetzbar. Die Shango-Kulte wurden an abgelegeneren Orten weiterhin praktiziert und anstelle der Trommeln fĂŒhrten die afrikanischen Musiker Bambusstampfrohre ein, die beim Aufstampfen auf dem Boden einen Ă€hnlich tiefen dumpfen Schlag wie die Trommeln hervorbrachten. Aus mehreren Stampfrohren ungleicher LĂ€nge wurde ein Melodieinstrument und hinzugenommene Metallteile als Aufschlagidiophone ergĂ€nzten mit ihren hohen harten SchlĂ€gen den Gesamtklang des neuen Ensembletyps, der den Namen Tamboo-Bamboo erhielt. Tamboo ist von französisch tambour, âTrommelâ, abgeleitet. Dieses Ensemble fĂŒllte schnell die durch das Verbot der Trommeln entstandene musikalische LĂŒcke.cite-ref-129[129]
Die Tamboo-Bamboo-Bands wurden nach unterschiedlichen Ansichten spĂ€testens ab 1890 oder spĂ€testens ab 1910 bei StraĂenveranstaltungen eingesetzt. Jedes Bambusrohr im Ensemble wurde seiner musikalischen Funktion entsprechend einer von drei Gruppen zugeordnet: (1) cutter (von englisch to cut, âschneidenâ, die Ăbersetzung von Kikongo kata), (2) foulĂ© oder fulley (von französisch refouler, âverdrĂ€ngen, zurĂŒckweisenâ) und (3) boom (lautmalerisch fĂŒr den tiefsten Ton). Diese Einteilung stimmt mit den drei funktionellen Typen der von der indischen Bevölkerung auf Trinidad gespielten kleinen Kesseltrommel tassa ĂŒberein. Die tassa basiert wiederum auf der indischen dhol-tasha-Tradition der in Nordindien bei Festveranstaltungen gespielten Zylindertrommel dhol mit der Kesseltrommel tasha. Indische Arbeitsmigranten fĂŒhrten ab 1845 aus beiden Trommeln bestehende Ensembles auf Trinidad ein. In einer Tassa-Band spielen ĂŒblicherweise eine fĂŒhrende Kesseltrommel cutter, zwei begleitende Kesseltrommeln foulĂ© und eine tief tönende Zylindertrommel bass zusammen. Die begleitenden Bambusrohre werden auch als ein foulĂ© und ein chandler unterschieden. Das Bambusrohr boom vertritt die groĂe Zylindertrommel bass. Alle sind zwischen etwa 120 und 150 Zentimeter lang.cite-ref-130[130]
Die indische und die afrikanische Musikkultur trafen bei den groĂen Jahresfesten Karneval und Hosay (schiitische Trauerzeremonien zu Muharram) aufeinander, wo Tassa-Bands den indischen Stockkampf gatka und Tamboo-Bamboo-Bands den kreolischen Stockkampf begleiteten.cite-ref-131[131]
Die Suche nach neuen klanglichen Ausdrucksmöglichkeiten fĂŒhrte in den 1930er Jahren zu Experimenten mit BlechbehĂ€ltern, Ălkanistern, Dosen und Bratpfannen, die zunĂ€chst wie der Korpus der Kesseltrommel zu einer bauchigen Form gehĂ€mmert wurden. Ihrem verwendeten Material entsprechend wurden die ersten Gruppen Biscuit Tin Bands (âKeksdosenâ) genannt.cite-ref-132[132] Daraus entstanden die steelpans der Steelbands als direkte Entwicklung aus den Bambusstampfrohren und der Kesseltrommel tassa.cite-ref-133[133]
Haiti
In Haiti ist das Bambusstampfrohr ganbo (auch gambo, kanbo, tikambo oder ti kanmbo)cite-ref-134[134] mutmaĂlich ebenfalls afrikanischen Ursprungs. Jeder Musiker hĂ€lt zwei unterschiedlich lange Bambusrohre in den HĂ€nden und stampft bei Unterhaltungsfesten einen durchgehenden Rhythmus.cite-ref-135[135] Die ungefĂ€hr 30 bis 70 Zentimeter langen Bambusrohre aus einem oder zwei Internodien werden vom am Boden kauernden Musiker auf den Erdboden oder auf ein Holzbrett gestoĂen. Vier oder fĂŒnf Spieler (ganboes) agieren ĂŒblicherweise zusammen als Ersatz fĂŒr Trommeln zur Begleitung von religiösen oder sĂ€kularen TĂ€nzen. Wenn die bei Voodoo-Zeremonien gebrauchte hölzerne Standtrommel bula ersetzt werden soll, spielt ein Musiker zwei kurze Bambusrohre. Die ĂŒbrigen Musiker stampfen nur ein dickeres, lĂ€ngeres und tiefer tönendes Bambusrohr. HĂ€ufig wird der Klang durch Abdecken der oberen Ăffnung mit der Hand moduliert. WĂ€hrend der Zeit der amerikanischen Besetzung Haitis von 1915 bis 1934, als Tanzveranstaltungen hĂ€ufig aufgelöst und die Trommeln zerstört wurden, waren die Stampfrohre Berichten zufolge besonders beliebt, denn sie konnten leichter vor den Marines verborgen werden, denen sie auch nicht als die Ordnung störend vorkamen.cite-ref-136[136] Durch die Beschlagnahmung und Zerstörung der Trommeln gelang es den Marines nicht, die Voodoo-Kulte zurĂŒckzudrĂ€ngen. Im Gegenteil, dadurch dass die Haitianer die kleineren und besser verfĂŒgbaren ganbo verwendeten, nahm die Zahl der Voodoo-Kulte zu, die nun mehr im Verborgenen ohne lautstarke Zeremonien durchgefĂŒhrt wurden.cite-ref-137[137]
Kuba
In Kuba ist das Bambusstampfrohr ayĂguĂ (auch akpatarĂ© und pĂĄgugu) ĂŒber einen Meter lang und wird in der SanterĂa-Religionspraxis verwendet, die auf die Yoruba in Nigeria zurĂŒckgeht. Bei BegrĂ€bniszeremonien hochrangiger SanterĂa-WĂŒrdentrĂ€ger soll ihr Einsatz den Geist des Verstorbenen anrufen. An manchen ayĂguĂ befindet sich ein kleiner geschnitzter Kopf am oberen Ende, der die Ahnengeister (Ă©gĂșn) reprĂ€sentiert.cite-ref-138[138] Bei BegrĂ€bnissen symbolisiert das Stampfrohr den Verstorbenen und sollte deshalb so lang wie dieser sein. AyĂguĂ ist von Yoruba adyi, âaufwachenâ und igui, âStabâ, hergeleitet; pĂĄgugu von okpa, âStabâ, und Ă©gĂșn.cite-ref-139[139]
SĂŒdamerika
Unter den Indigenen Völkern SĂŒdamerikas waren Trommeln (bis auf einige ein- und zweifellige Rahmentrommeln) selten, hingegen waren Stampfrohre aus ausgehöhlten BaumstĂ€mmen, Schlagbretter uber Erdgruben und FuĂstampfen als Perkussionsinstrumente in den gesamten Tieflandgebieten SĂŒdamerikas weit verbreitet.cite-ref-140[140]
Venezuela
In Venezuela, vor allem in der Region um die Stadt San JosĂ© de Barlovento, spielen drei Musiker kurze Bambusstampfrohre namens quitiplĂĄs, die aus einem Internodium von 10 bis 15 Zentimetern Durchmesser bestehen. Nach ihrer LĂ€nge lassen sich quitiplĂĄs in drei Gruppen unterteilen. Die kurzen quitiplĂĄs mit 25 bis 30 Zentimeter LĂ€nge werden von einem Musiker paarweise in schnellem Tempo auf den Boden gestoĂen und gegeneinander geschlagen. Die mittelgroĂen quitiplĂĄs mit 40 Zentimeter LĂ€nge heiĂen prima oder hembra (âweiblichâ) und werden wie die groĂen pujao oder macho (âmĂ€nnlichâ) mit 50 bis 60 Zentimeter LĂ€nge einzeln gespielt. Die Musiker stoĂen sie mit einer Hand auf den Boden und schlagen abwechselnd mit der anderen Hand auf die Ăffnung oben. Die ersten beiden quitiplĂĄs spielen einen konstanten Rhythmus, der auf einem 6/8-Takt basiert, den die pujao mit Improvisationen durchbricht. Alle quitiplĂĄs werden auf einen harten Boden (auf der KonzertbĂŒhne auf einen Ziegel oder eine Steinplatte) gestoĂen, sodass zum dumpfen Melodieton ein helles Klacken erklingt. Die Stampfrohr-Rhythmen dienen der Gesangsbegleitungcite-ref-141[141] und die Lieder sind mit dem Johannistag am 24. Juni verbunden.cite-ref-142[142]
In der Region um Barlovento werden wahrscheinlich innerhalb Venezuelas die meisten Musikinstrumente afrikanischer Herkunft gespielt. Neben quitiplås gehören hierzu lange hölzerne Standtrommeln (mina, cumacao und curbata), ein Set von drei zylindrischen Standtrommeln (tambores redondos), Prozessionstrommeln (tambores de parranda) und eine Reibtrommel (furruco). Die Trommeltypen sind aus Benin, Nigeria und dem Kongo bekannt.cite-ref-143[143]
Nur auf der Karibikinsel Bonaire, die vor der KĂŒste Venezuelas liegt und zu den Kleinen Antillen gehört, kommt das Bambusstampfrohr bamba vor.cite-ref-144[144] Es besteht aus einem kaña brabu (Papiamentu, âwildes Rohrâ, gemeint: wildwachsender Bambus) genannten Bambusrohr, das an der nördlichen MeereskĂŒste angeschwemmt wird.cite-ref-145[145] Die paarweise gespielten Rohre des bamba werden abwechselnd zur Begleitung von Liedern auf den Boden gestampft. Die Rohre sind unterschiedlich lang und haben keine bestimmte Tonhöhe.cite-ref-146[146]
Weitere LĂ€nder
In einigen Gebieten von Argentinien, Brasilien und im Hochland von Ekuador, werden Bambusabschnitte mit groĂen Durchmessern als Stampfrohre verwendet. In der Tieflandregion Mesopotamia im Nordosten Argentiniens und im angrenzenden Paraguay leben indigene Gruppen der GuaranĂ. Die zu den GuaranĂ gehörenden MbyĂĄ pflegen eine Religion, in der sie durch gemeinschaftliche Lieder und TĂ€nze mit den Göttern in Verbindung treten. Beide Geschlechter beteiligen sich neben den Jahresfesten an tĂ€glichen Ritualen, die bei Sonnenaufgang und Sonnenuntergang stattfinden, aber nur Frauen singen im Chor. Dabei wiederholen sie die musikalischen Phrasen des mĂ€nnlichen VorsĂ€ngers und Priesters (paâi) und stampfen den Rhythmus mit dem Bambusstampfrohr takuapĂș (âklingender Bambusâ), von takuĂĄ. Das Wort takuĂĄ bedeutet in der GuaranĂ-Sprache âBambusâ. Als takuara wird die Art Guadua angustifolia (Guadua-Bambus) und als takuarusĂș die Art Guadua trinii bezeichnet. Die Abschnitte sind 70 bis 90 Zentimeter lang und haben Durchmesser zwischen 4 und 10 Zentimeter. Manche Bambusrohre sind mit Vogelfedern und eingebrannten Mustern verziert. Gelegentlich werden Rasseln aus Naturmaterial oder Kronkorken an SchnĂŒren umgebunden oder der Spieler trĂ€gt diese an seinen FuĂgelenken. Seitlich in das Bambusrohr gebohrte Löcher dienen der KlangverstĂ€rkung.cite-ref-147[147] TakuĂĄ ist zugleich ein weiblicher Personenname, denn nur Frauen verwenden das Bambusrohr traditionell fĂŒr religiöse RitualgesĂ€nge und -tĂ€nze. In der mythischen Ăberlieferung hat takuĂĄ eine sakrale Bedeutung und ist der Name eines weiblichen Skeletts, dessen Seele dereinst wieder ins Leben zurĂŒckkehren soll (takua-yvĂĄâĂ-kĂŁgĂŁ, âKnochen der Frau, die [im Ritualtanz] das Bambusrohr gebrauchtâ).cite-ref-148[148] Abgesehen von der einleitenden Phrase sind die Texte kurz und werden monoton wiederholt oder variiert.cite-ref-149[149] TakuapĂș werden in einem sakralen GebĂ€ude (opy) aufbewahrt. Das andere der beiden sakralen Musikinstrumente der MbyĂĄ ist die nur von MĂ€nnern gespielte Kalebassenrassel mbarakĂĄ.cite-ref-150[150]
Indianische Gemeinschaften in SĂŁo Gabriel da Cachoeira, Brasilien, schlagen ihr Bambusstampfrohr ambnuta (von ambaĂșwa, âBaumâ) manchmal mit einem Palmwedel auf die obere Ăffnung.cite-ref-151[151] Von Untergruppen der Baniwa in Brasilien wird das Stampfrohr uana aus einem ausgehöhlten Stamm von ambaĂșva (eine zu den AmeisenbĂ€umen gehörende Art) erwĂ€hnt.cite-ref-152[152]
In den 1830er Jahren wurde im heutigen Guyana ein mit eingravierten Ornamenten verziertes, wahlongka genanntes Bambusstampfrohr von 147 Zentimetern LĂ€nge erworben und spĂ€ter an das Völkerkundemuseum in Wien ĂŒbergeben.cite-ref-153[153] Die Wayana-Sprecher in Suriname spielen Stampfrohre zur Tanzbegleitung. Die TĂ€nzer tragen mit Samen gefĂŒllte GefĂ€Ărasseln an den FuĂgelenken.
Literatur
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Weblinks
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⹠Quitiplås de Arenita, en San José, Barlovento. Youtube-Video (Bambusstampfrohre quitiplås in San José de Barlovento, Venezuela)
âą Takuapu mini â Aldea YryapĂș. Youtube-Video (Bambusstampfrohr takuapĂș eines MĂ€dchenchors im GuaranĂ-Dorf YryapĂș in Argentinien. Der Geigenspieler dieser nicht traditionellen AuffĂŒhrung hat die Funktion des VorsĂ€ngers und Priesters (paâi), die Jungen spielen die Kalebassenrassel mbarakĂĄ.)
Einzelnachweise
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